Herbstanemone
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Die Bienengiftallergie

Welche Gefahr kann von einem Bienenstich ausgehen. Und welch wohltuende Wirkung kann er auf unseren Körper haben. Dr. Martin Schäfer hat die Antwort.

Do 20. November 2025 von Gastautor*in Apitherapie, BieneMenschNatur.49
Alle Bienenhalter*innen erwischt es mal - wie hier den Autor Dr. Martin Schäfer in jungen Jahren. (Foto: Dr. Martin Schäfer)
Alle Bienenhalter*innen erwischt es mal - wie hier den Autor Dr. Martin Schäfer in jungen Jahren. (Foto: Dr. Martin Schäfer)

Die Bienen schenken uns nicht nur Honig und Wachs, der Umgang mit ihnen bereichert uns mit Freude, schult unsere Besonnenheit und fördert unseren Natursinn für die Pflanzen- und Tierwelt im Tages- und Jahreslauf. Die nicht ganz zu vermeidenden Stiche nehmen wir dafür gerne in Kauf. Wer kennt nicht diesen kurzen scharfen stechenden Schmerz, die langsam zunehmende Schwellung und den nächtlichen Juckreiz in der Heilungsphase.

Verschiedenste Hausmittelchen können diese Folgen abschwächen, wobei die wirksamste Maßnahme wahrscheinlich das schnelle Entfernen des Stachelapparates zur Reduktion der nachgepumpten Giftmenge ist. Neben Spucke kommen Zwiebel, Spitzwegerich, Essig, Backpulver, Salz, Quark, Heilerde und wahrscheinlich weitere Substanzen zum Einsatz. Sogar das geschickte Malen einer Sinuskurve über dem Einstich soll Wunder wirken. Ich persönlich bevorzuge, mich aus reiner Bequemlichkeit dem Schicksal hinzugeben und den natürlichen Heilungsverlauf abzuwarten, weiß ich doch um die gesundheitsfördernde Wirkung des Giftes, die mich vor allerlei chronischen Erkrankungen schützen wird.

Schließlich ist Bienengift als Apisinum nicht nur ein wichtiges homöopathisches Heilmittel, es wird in der Apitherapie auch direkt durch provozierte Stiche appliziert. Hierdurch ausgelöste akute Entzündungen sollen unter anderem auf verschiedenste Ablagerungskrankheiten aus dem rheumatischen Formenkreis heilsam wirken. Forscher in Australien haben im Jahr 2020 nachgewiesen, dass Melittin, ein Bestandteil des Bienengiftes, in der Lage ist, Krebszellen zu zerstören, ohne gesunde Zellen zu schädigen. Vor dem Einsatz an Patienten sind aber noch belastbare Daten aus systematisch durchgeführten Studien erforderlich.

Allergische Reaktionen

So harmlos die Folgen von Bienen- und auch Wespenstichen für die meisten Betroffenen sind, so gefährlich können sie für rund 3 Prozent der Bevölkerung sein, also für ungefähr 2,5 Millionen Menschen in Deutschland, bei denen eine Allergie gegen die Gifte vorliegt. Dabei sind Allergien gegen Wespengift etwa doppelt so häufig wie gegen Bienengift. Eine allergische Reaktion ist von der reinen Giftwirkung dadurch zu unterscheiden, dass letztere nur lokal, also nur in der Region des Stiches Entzündungsreaktionen auslöst, während bei der Allergie systemische, d.h. den ganzen Organismus betreffende Symptome auftreten.

Leichtere Formen einer allergischen Reaktion führen zu einem generalisierten Hautausschlag in Form einer flächigen Rötung (Flush) oder als Nesselsucht (Urtikara), oft beginnend mit einem Juckreiz am ganzen Körper. Ernsthafter sind Übelkeit, Erbrechen und Durchfall sowie massive Schleimhautschwellungen (Angioödem). Bedrohlich wird der Verlauf, wenn Atemnot hinzukommt. Bei einer weiteren Eskalation erweitern sich die Blutgefäße im gesamten Organismus. Sie werden vermehrt durchlässig, sodass große Mengen von Flüssigkeit aus den Gefäßen in das Gewebe übertreten, der Blutdruck sinkt bis hin zum Kreislaufzusammenbruch mit drohendem Herzstillstand, das Vollbild eines anaphylaktischen Schocks. Jährlich sterben in Deutschland ungefähr 10 bis 30 Personen auf diese Art. Männer sind in zwei Drittel der Fälle betroffen, die Gefährdung steigt bei Vorerkrankungen von Herz und Lunge. Dagegen sind dramatische Verläufe bei Kindern extrem selten.

Die reine Giftwirkung kann auch ohne Allergie ernste Folgen haben. Entgegen dem Volksglauben, dass sieben Hornissenstiche ein Pferd töten, treten bedrohliche Symptome seitens des Kreislaufsystems meist erst ab 100 Stichen auf, bei mehr als 500 Stichen besteht höchste Lebensgefahr durch Organversagen.

Handeln im Notfall

Nach dem Auftreten von allergischen Reaktionen auf einen Bienen- oder Wespenstich kann die Reaktion auf einen Folgestich nicht vorhergesagt werden. Sie kann heftiger sein oder auch ausbleiben. Daher sollte unbedingt eine laborchemische Abklärung durch Blutabnahme erfolgen. Das Maß an spezifischen Antikörpern vom Typ IgE korreliert mit dem Risiko zukünftiger heftiger Reaktionen. Ist dieses hoch, so muss im Sommerhalbjahr unbedingt ein Notfallset mitgeführt werden.

Dieses Set besteht aus den drei Arzneimitteln Antihistaminikum, Cortison und Adrenalin. Antihistaminika sind recht harmlos hinsichtlich Verträglichkeit und Nebenwirkungen und vielen bekannt als Mittel gegen Heuschnupfen. Sie werden beim Auftreten von ersten Zeichen einer Allergie am besten flüssig oder als schnellwirkende Schmelztabletten, die über die Mundschleimhaut resorbiert werden, in der bis zu vierfachen Standarddosis eingenommen und wirken innerhalb von 10 Minuten. In Abhängigkeit von der weiteren Symptomentwicklung folgen Cortisontabletten und ggf. auch Adrenalin als intramuskuläre Injektion in den Oberschenkel.

Adrenalin ist eine sehr wirksame Substanz mit potentiell ernsten Nebenwirkungen. Der Einsatz erfolgt daher nur bei einer bedrohlichen Entwicklung der Symptomatik. Ohnehin bedarf es unbedingt einer ausführlichen Schulung über den richtigen Einsatz der Mittel im Notfall durch den verordnenden Arzt.

Als erfreuliche Neuigkeit ist erwähnenswert, dass ab Juni dieses Jahres Adrenalin auch als Nasenspray (Eurneffy) zugelassen ist. Hierdurch vereinfacht sich die Anwendung wesentlich. Unabhängig von den beschriebenen Maßnahmen ist es notwendig, sich nach einem Stich sofort in die Nähe anderer Personen zu begeben, sofern man sich alleine in Feld und Flur aufhielt. Nur so ist gewährleistet, dass bei sich rasch entwickelnden Symptomen notärztliche Hilfe gerufen werden kann. Je schneller sich Symptome zeigen, desto gefährlicher ist der weitere Verlauf. Der Rettungsdienst sollte bei geringsten Zweifeln am harmlosen Verlauf des Geschehens alarmiert werden, er kommt lieber mehrmals umsonst als einmal zu spät.

Mir liegen Erfahrungsberichte vor über die positive Wirkung von Apis in homöopathischer Form, sofort nach dem Stich eingenommen. Über die richtige Potenzhöhe besteht allerdings bei Therapeuten keine Einigkeit. Das Notfallset sollte dabei dennoch zur Hand sein.

Hyposensibilisierung

Insektengiftallergiker müssen glücklicherweise nicht in ständiger Angst vor Stichen leben, da die Möglichkeit einer Hyposensibilisierung besteht. Bei entsprechender Vorgeschichte und erhöhten Blutwerten wird Bienen- oder Wespengift in ansteigender Dosis unter die Haut injiziert, anfangs in kurzen Abständen, dann alle vier Wochen. Lästig ist der Zeitaufwand, da nach jeder Injektion eine mindestens 30-minütige Wartezeit in der Praxis verbracht werden muss. Die Therapiedauer beträgt in der Regel drei Jahre. Es kann danach eine Provokation durch den Stich einer lebenden Biene erfolgen. Die Erfolgsrate wird mit 80 bis 100 Prozent angegeben.

Obwohl die Schilderungen des schweren allergischen Geschehens bei Insektengiftallergie einer Dramatik nicht entbehren, lässt sich das Risiko bei vorhandener Allergie durch das Mitführen eines Notfallsets mit dem Wissen, um dessen korrekten Einsatz minimieren. Auch die Bienenhaltung muss beim Auftreten einer Allergie nicht für alle Zeit beendet werden. Nach einer Hyposensibilisierung kann das Imkern wieder beginnen.

Dr. Martin Schäfer, Arzt für Allgemeinmedizin & Beirat von Mellifera e. V.

Alle genannten Inhalte ersetzen im Beschwerdefall nicht die diagnostische ärztliche Abklärung bzw. den fachkundigen therapeutischen Rat. Die juristische Haftung des Autors und von Mellifera e. V. sind in jedem Fall ausgeschlossen.


Biene sitzend auf Blüte
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