Bienen ohne Imker? Was die Daten über wild lebende Honigbienen wirklich sagen
Wild lebende Honigbienen ohne das Zutun von uns Menschen sind eine romantische Vorstellung – in der heutigen Welt leider fast undenkbar. Zu groß sind die Herausforderungen, mit denen die Bienen zu kämpfen haben. Wir von Mellifera e. V. beobachten die Forschung dazu schon lange und präsentieren hier einige Ergebnisse.
Di 14. Juli 2026 von Johannes Wirz, Terra Pasqualini wildlebende Bienen
Es ist eine schöne Vorstellung: Die Honigbiene kehrt in den Wald zurück, zieht in eine Baumhöhle und kommt dort ganz ohne menschliche Hilfe zurecht – frei, wild, unabhängig. Kein Volk, das „gehalten” wird, kein Eingriff, keine Behandlung. Nur Biene und Baum.
Diese Sehnsucht verstehen wir bei Mellifera gut. Seit 40 Jahren setzen wir uns dafür ein, die Honigbiene nicht bloß als Nutztier zu sehen, sondern als Mitgeschöpf und Teil eines größeren ökologischen Zusammenhangs. Der Gedanke, dass Bienen dorthin zurückfinden, wo sie herkommen, berührt genau diesen Kern.
Umso wichtiger ist es, ehrlich hinzuschauen, was passiert, wenn man diese Sehnsucht in die Tat umsetzt. Denn dazu gibt es inzwischen belastbare Daten – und sie erzählen eine differenziertere Geschichte, als es manche populäre Kampagne nahelegt.
Wo nisten freilebende Honigbienen? Baumhöhlen und ihre Grenzen
2025 ist im Fachjournal Ecology and Evolution die bislang umfangreichste Studie zu freilebenden Honigbienen in Deutschland erschienen (Rutschmann, Remter & Roth 2025). Über sieben Jahre – von 2016 bis 2023 – haben die Autoren gemeinsam mit 311 Mitwirkenden 530 Nistplätze erfasst und 2.555 Beobachtungen gesammelt. Ein Citizen-Science-Projekt großen Ausmaßes, kombiniert mit systematischem eigenem Monitoring in München.
Die Ergebnisse zum Lebensraum bestätigen zunächst, was wir erwarten würden: Freilebende Völker bevorzugen Bäume (63 % der Nistplätze), meist alte, dicke Bäume mit einem Stammdurchmesser von im Schnitt 0,64 Metern, mit nach Süden gerichteten, hoch gelegenen Einfluglöchern. Wo solche Baumhöhlen fehlen, weichen die Bienen auf Gebäude aus (31 %). Alte, höhlenreiche Bäume sind also tatsächlich ein wertvoller und schützenswerter Lebensraum. Soweit die gute Nachricht.
Artikel: Monitoring Free-Living Honeybee Colonies in Germany: (pdf/2,1 MB)
Die entscheidende Zahl: Wie viele wilde Honigbienen überleben ein Jahr?
Der Kern der Studie liegt aber nicht bei der Frage, wo Bienen einziehen, sondern ob sie dort überleben. Und hier wird es ernüchternd.
Von den systematisch beobachteten Völkern in München überlebten im Jahresdurchschnitt nur rund 12 %. Zwei vergleichbare deutsche Studien kommen auf ähnliche Werte: 13 % (Kohl et al. 2022) und 11 % (Lang et al. 2022). Als Schwelle, ab der sich eine freilebende Population selbst tragen kann, gilt in der Fachliteratur eine jährliche Überlebensrate von etwa einem Drittel. Diese Schwelle wird in Deutschland deutlich verfehlt.
Ein methodisches Detail der Studie ist dabei besonders lehrreich – und für die öffentliche Debatte zentral. Die von ehrenamtlichen Melderinnen und Meldern berichtete Überlebensrate lag mit 29 % scheinbar viel höher. Doch dieser Wert ist verzerrt: Freiwillige melden vor allem dann, wenn ein Volk lebt und sichtbar fliegt. Verlassene oder gestorbene Nester werden seltener gemeldet, und 46 % der Frühjahrsmeldungen fielen bereits in die Schwarmzeit – wenn eine leere Höhle längst von einem neuen Schwarm bezogen sein kann. Rechnet man diese Verzerrung heraus, landet auch die Citizen-Science-Rate bei rund 13 %.
Das erklärt ein weit verbreitetes Missverständnis. Wenn jemand über Jahre „dieselbe” besetzte Baumhöhle beobachtet, sieht er in aller Regel nicht ein einziges, langlebiges Volk. Er sieht eine gute Höhle, die immer wieder neu besiedelt wird – von Schwärmen, die häufig aus nahegelegenen Imkereien stammen. Kontinuierliche Belegung ist eben nicht dasselbe wie kontinuierliches Überleben.
„Das hat es noch nie gegeben”? Doch – und wir wissen einiges darüber
Immer wieder wird die Idee, Honigbienen über künstliche Baumhöhlen wieder anzusiedeln, als völlig neuartig und noch nie erprobt dargestellt. Das stimmt nicht. Das Leben der Honigbiene außerhalb der Imkerei wird seit Jahren systematisch erforscht – von Thomas Seeleys berühmten Arbeiten im Arnot Forest über die Untersuchungen in europäischen Buchenwäldern (Kohl & Rutschmann 2018) bis zum langjährigen BEEtree-Monitor. Die Frage ist nicht neu. Neu ist vor allem die Datenmenge, mit der sie sich heute beantworten lässt.
Und die Antwort lautet nüchtern: Eine Höhle bereitzustellen reicht nicht. Über Leben und Sterben eines Volkes entscheiden Faktoren, die mit dem bloßen Hohlraum wenig zu tun haben – das Nahrungsangebot in der Landschaft, der Pestizideinsatz, die genetische Anpassung und der Umgang mit der Varroamilbe. Wo diese Bedingungen stimmen, etwa in Teilen Spaniens oder in Gwynedd (Wales), gibt es tatsächlich Regionen mit höheren Überlebensraten und teils behandlungsfreier Imkerei. In der zersplitterten, dicht bewirtschafteten mitteleuropäischen Landschaft mit hoher Imkereidichte sind diese Voraussetzungen aber meist nicht gegeben. Wer hier Völker in Baumhöhlen setzt und sich selbst überlässt, riskiert nicht Wildnis, sondern stillen Verlust.
Das zeigt auch eine Studie in der Schweiz, an der Mellifera beteiligt ist. In einem Forstrevier von 10 Quadratkilometern werden Über zehn gehöhlte Bäume und Klotzbeuten zwischen vier und sieben Metern Höhe über dem Boden von Schwärmen aus der Umgebung gerne besiedelt und/oder mit Schwärmen gezielt besetzt. Die Überlebensrate ist auch hier bescheiden.
Die Studie zeichnet sich wohl als einzige dadurch aus, dass die Völker regelmässig kontrolliert, die Milben gezählt, die Pollen analysiert und die Gründe fürs Sterben ermittelt werden. Die Verluste sind im Großteil der Fälle den geringen Wintervorräten geschuldet; Milben und andere Krankheiten spielen eine untergeordnete Rolle.
Der berechtigte Kern der Kritik – und wo wir ehrlich sein müssen
Ein Punkt, der in solchen Kampagnen oft mitschwingt, verdient ausdrücklich Zustimmung: die Sorge um die Nahrungskonkurrenz zwischen vielen gehaltenen Honigbienen und wildlebenden Bestäubern. In dicht besiedelten Regionen – in München etwa liegt die Dichte gehaltener Völker beim 4,3-Fachen des deutschen Durchschnitts – ist das eine reale und wissenschaftlich diskutierte Frage (Geldmann & González-Varo 2018). Wer Wildbienen schützen will, darf über die Zahl und Dichte gehaltener Honigbienenvölker nicht schweigen. Diese Debatte ist wichtig, und wir nehmen sie ernst.
Interessant ist nur, was dieselbe Studie dazu ergänzt: Die Dichte freilebender Völker lag in München bei lediglich etwa 4 % der gemeldeten gehaltenen Völker. Freilebende Honigbienen sind also nicht das Problem für die Wildbienen – die eigentliche Stellschraube ist, wie und wie dicht wir Bienen halten. Die richtige Konsequenz aus der Konkurrenzfrage ist damit nicht „mehr Völker in Baumhöhlen”, sondern: bewusstere, standortgerechte Bienenhaltung und vor allem mehr blühender Lebensraum für alle Bestäuber.
Was wild lebenden Bienen wirklich hilft
Wenn eine Höhle allein nicht genügt, was dann? Die Antwort der Forschung deckt sich mit dem, woran wir seit Jahren arbeiten:
Echte Lebensräume erhalten und schaffen.
Alte Bäume mit Höhlen bewahren, statt sie zu fällen – und die Landschaft zum Blühen bringen. Über unser Netzwerk Blühende Landschaft sind seit 2016 deutschlandweit mehr als 18 Millionen Quadratmeter Lebensraum entstanden. Auf einer wissenschaftlich begleiteten Fläche im Allgäu hat sich die Zahl der Schmetterlingsarten in sieben Jahren fast verdreifacht. Das ist Bestäuberschutz, der messbar wirkt – für Wildbienen und Honigbienen gleichermaßen.
Bienenhaltung weiterdenken.
Der Weg zu gesünderen, widerstandsfähigeren Völkern führt nicht über das Aussetzen und Sich-selbst-Überlassen, sondern über eine wesensgemäße Haltung und die geduldige Arbeit an einer Koexistenz mit der Varroamilbe. In unserem Citizen-Science-Projekt BOBBIE, das strukturiertes Milbenmonitoring mit sorgfältiger Praxis verbindet, konnten im Winter 2024/25 rund 90 % der beteiligten Völker erfolgreich ausgewintert werden – während der bundesweite Durchschnitt bei etwa 25 % Verlusten lag.
Ehrlich messen statt schön reden.
Die vielleicht wichtigste Lehre der Studie ist methodisch: Gut gemeinte Beobachtung kann in die Irre führen, wenn nur die schönen Momente gemeldet werden. Wirkung zeigt sich nicht darin, dass ein Schwarm einzieht, sondern darin, was ein Jahr später noch lebt.
Ohne blühenden Lebensraum keine Bienen in der Natur. Werde jetzt Blühpat*in und hilf mit, blühende Lebensräume für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge & Co. zu schaffen. Hier klicken & Blühpatenschaft abschließen!
Fazit
Die Vorstellung von der wilden, unabhängigen Waldbiene ist attraktiv – und sie trifft einen wahren Kern: Honigbienen sind mehr als Nutztiere, alte Bäume sind wertvoll, und über die Dichte gehaltener Völker müssen wir reden. Aber die beste verfügbare Datenlage zeigt ebenso klar, dass eine Baumhöhle in Mitteleuropa aus einem Volk keine sich selbst tragende Wildpopulation macht. Wer Arten schützen will, kommt an der weniger romantischen, dafür wirksamen Arbeit nicht vorbei: Lebensräume wiederherstellen, verantwortungsvoll imkern und den Mut haben, auch die ernüchternden Zahlen anzuschauen.
Genau dafür stehen wir. Nicht gegen die Sehnsucht nach wilden Bienen – sondern für den Weg, der sie eines Tages tatsächlich möglich machen könnte.
Diese Fragen begegnen uns immer wieder:
Können Honigbienen ohne Imker in einer Baumhöhle überleben?
Einzelne Völker können eine Zeit lang in Baumhöhlen leben, doch die Überlebensraten in Deutschland sind niedrig: Systematisches Monitoring zeigt im Jahresschnitt nur rund 12 %. Für eine sich selbst tragende Wildpopulation wäre etwa ein Drittel nötig. Eine Höhle allein genügt also nicht.Was ist von Baumhöhlen-Projekten wie dem „Schiffer-Baum” (Torben Schiffer) zu halten?
Künstliche Baumhöhlen-Nachbildungen greifen ein reales Bedürfnis der Bienen nach geeigneten Nisthöhlen auf. Das Bereitstellen einer Höhle löst aber nicht die Faktoren, die über das Überleben entscheiden – Nahrungsangebot, Pestizide, Genetik und den Umgang mit der Varroamilbe. Ohne diese Voraussetzungen bleiben solche Höhlen meist nur vorübergehend besiedelt.Was hat es mit Baumhöhlen-Kampagnen wie „Trees for Bees” (BEESTEEZ & Beenature-Save-the-Bees e.V.) auf sich?
Solche Kampagnen wollen wild lebenden Honigbienen durch künstliche Baumhöhlen Lebensraum geben – ein sympathisches Anliegen, das den Wert von Nisthöhlen zu Recht betont. Entscheidend ist jedoch, ob die aufgestellten Höhlen langfristig von überlebenden Völkern bewohnt werden oder immer wieder neu besiedelt werden, während die Vorgängervölker sterben. Genau das lässt sich nur durch mehrjähriges, systematisches Monitoring belegen – nicht durch einzelne Momentaufnahmen. Ohne begleitende Verbesserung von Nahrungsangebot, Landschaft und Bienengesundheit bleibt der Effekt für den Artenschutz begrenzt.Wovon hängt das Überleben wild lebender Honigbienen wirklich ab?
Von vielfältigem, pestizidarmem Nahrungsangebot, dem Erhalt alter höhlenreicher Bäume, genetischer Anpassung und dem Umgang mit der Varroamilbe. Regionen mit günstigen Bedingungen (z. B. Teile Spaniens oder Gwynedd/Wales) zeigen höhere Überlebensraten.Setzt sich Mellifera für wilde oder für gehaltene Bienen ein?
Für beide – und vor allem für die Bedingungen, unter denen sie leben. Über das Netzwerk Blühende Landschaft schaffen wir Lebensräume für alle Bestäuber, und in der Bienenhaltung arbeiten wir an einer wesensgemäßen Praxis und der Koexistenz mit der Varroamilbe.
Quellen (Auswahl): Rutschmann, B., Remter, F. & Roth, S. (2025): Monitoring Free-Living Honeybee Colonies in Germany. Ecology and Evolution 15:e71469 (Open Access). Kohl & Rutschmann (2018), Kohl et al. (2022), Lang et al. (2022), Geldmann & González-Varo (2018, Science). Weitere Zahlen aus dem Mellifera-Wirkungsbericht 2025 .